Woche 39: Entfreundet

Heute habe ich zum ersten Mal jemanden auf Facebook entfreunden müssen. Da ist jetzt keine lebenslange Freundschaft in die Brüche gegangen, oder so, das war eher ein entfernter Bekannter, den ich wohl so gut doch nicht kannte.

Hintergrund war ein Kommentar den ich zum aktuellen Geschehen in den USA geschrieben hatte, worauf der Betreffende meinte, sich über die Opfer von Vergewaltigungen lustig machen zu müssen – so etwas will ich nicht in meinen Kommentaren haben. Ich habe mein Konto bei Facebook hauptsächlich, um mit den Freunden aus aller Welt Kontakt zu halten, und nicht um solchen Mist zu lesen.

Mein Fehler war, hier jemanden in mein Leben zu lassen, den ich nicht gut genug einschätzen konnte, und nur oberflächlich kannte. Für solche Fälle, besonders wenn sie Kollegen oder Kontakte aus der Branche sind, habe ich eigentlich das LinkedIn Konto, wo politische Ergüsse sich zum Glück noch in Grenzen halten, und es niemand kümmert, dass ich ihn ignoriere.

Auf der Arbeit war die Woche von einiger Verwirrung geprägt, wie denn unser Geschäft eigentlich funktioniert. Unsere Software soll die Abläufe ja möglichst genau abbilden können, aber wenn der Chef keine Zeit hat, mir das zu erklären, kann ich auch kein neues Feature dafür schreiben. Seufz. Es haben immer noch alle in der Firma zu viele Aufgaben, und der Chef ganz besonders – vom Kundendienst über den Verkauf bis zur Software-Entwicklung hat der in allem die Finger drin, und für nichts richtig Zeit. Ich habe permanent zu viel auf dem Teller, und niemand, der es mir abnimmt, weil zu den Dingen die der Chef nicht schafft auch das Anstellen eines Junior-Entwicklers gehört. Das wird mir jetzt seit über einem Jahr versprochen, dass ich eine Entlastung kriegen soll.

Ich ersticke in Äpfeln, besonders nachdem am letzten Wochenende der Sturm noch einmal kräftig am Baum gerüttelt und auch die herunter geholt hat, an die ich mit dem Apfelpflücker nicht dran komme. Ich verarbeite also das Fallobst zu immer mehr Apfelmus, und dieses Wochenende wird ein Kuchen gebacken. Das Wohnzimmer steht derweil voll mit Kartons voller guter Äpfel, die bei Gelegenheit in den Schuppen gelagert werden sollen. Bald wird auch Gartenabfall abgeholt, bis dahin muss ich noch mal schauen, wie man so einen Baum beschneidet.

Woche 38: Kodeklubben

Jeden zweiten Samstagmorgen bin ich in der Bibliothek, und bringe Kindern das programmieren bei. Kodeklubben ist ein Angebot von Freiwilligen im Rahmen von Lær Kidsa Koding, wo eine ständig wechselnde Menge von Kids im Alter von 10 Jahren und aufwärts von uns Erwachsenen das Programmieren am Beispiel von einfachen aufeinander aufbauenden Aufgaben beigebracht wird. Das sind am Anfang zum Beispiel einfache Spiele in Scratch.

Ich bin jetzt seit ca. zwei Jahren dabei, und es macht immer noch Spaß, auch wenn es wirklich anstrengend sein kann. Ich habe damals in Kalifornien mit Freunden ein ähnliches Projekt namens Hack The Future selber gestartet, in Verbindung mit dem Tech Museum in San Jose und anderen Sponsoren, und bin froh, hier in Norwegen wieder in so etwas hinein rutschen zu können.

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Was mir hier in Norwegen gefällt: Wir müssen nicht vor jedem Event nach Sponsoren jagen, und die Räumlichkeiten neu verhandeln. Die Bücherei freut sich, uns als Gast zu haben, weil sie dadurch für junge Nutzer attraktiver wird, und wir bekommen Fördergelder von Stiftungen oder aus staatlichen Töpfen, weil wir Jugendarbeit machen. Damit kann man dann auch mal ein paar Laptops zum ausleihen anschaffen. In Kalifornien hatten wir ein paar aus Spenden, und es war immer traurig, wenn wir ein Kind aus weniger wohlhabenden Umständen weg schicken mussten, weil es keinen eigenen Laptop hatte, und wir nicht genug Leihrechner. Wir haben auch mehr engagierte Eltern, die sich mit ihren Kindern gemeinsam hinsetzen, um vielleicht auch etwas zu lernen, oder darauf achten, dass das Kind nicht plötzlich abgelenkt wird und Minecraft spielt oder Youtube guckt. Bei Hack the Future hatten wir damit massive Probleme.

Dafür hatten wir glaube ich dort mehr Mentoren für die Kids. Hier in Tønsberg ist nicht so viel los in der IT-Branche, und es ist schwierig, Freiwillige zu finden, die regelmäßig zweimal im Monat erscheinen. Selbst wenn man eigentlich nicht viel dafür können muss. Der Kern unserer Truppe sind drei Leute, und an Tagen wie vor zwei Wochen, wo die Sommerferien vorbei waren und die Kinder sich nach neuen Hobbies umschauen oder einfach daheim gelangweilt haben, kann es schon einmal mehrere Dutzend Kinder geben, die alle bei Null anfangen, und die ersten Schritte erklärt kriegen müssen.

 

Woche 37: Spiele und Familie

Ich war gerade in unserer tollen Bücherei, zu der ich mal einen eigenen Artikel schreiben muss. Dort lief ein Vortrag mit dem Titel “Die Rolle von Computerspielen in der modernen Familie”. Das ist ja ein Thema, das mich als ehemaligen Spiele-Entwickler, der zu dem Thema gelegentlich von Freunden mit Kindern gefragt sind, interessiert, und wo ich eine Meinung habe, also habe ich mir das angesehen. Der Sprecher war selber Vater eines achtjährigen Minecraft-Spielers, und ist wie ich in den 80ern mit Mario und Co aufgewachsen. Leider hat er sein Vortrag das Publikum verfehlt, das gefühlt zu über 90% aus Eltern bestand, deren Kinder ihrer Meinung nach zu viel Fortnite spielen.

Statt diese Eltern bei ihren Ängsten abzuholen, und streng gegen die Binsenweisheiten anzugehen, die in den Medien über limitierte Screenzeit, Spielesucht und Gewalt verbreitet werden, hat er zuerst eine Geschichte des Videospiels als Medium erzählt. Wer dabei nicht eingeschlafen ist, konnte noch ein paar Worte zu Mobbing hören, und der alten Kamelle, dass die Kinder die in der Schule gemobbt werden sich in Videospielen verwirklichen können. Und man soll froh sein, dass sie keine Drogen nehmen.

Der spannendste Teil wäre die Q&A Session am Schluß gewesen, wenn ich die Fragen nicht alle schon zu Beginn hätte vorhersagen können. Der Redner wohl nicht, denn dann hätte er einerseits seinen Vortrag anders gestaltet, und andererseits bessere Antworten gehabt. Es war alles dabei von “wie schädlich ist es für meinen Sohn, dass er mit acht Jahren schon Fortnite spielt, weil das doch erst ab zwölf ist?” über “Muß ich Angst haben, dass er mal so ein Schulmörder wird wie man die aus Amerika kennt?” bis zu meinem persønlichen Favoriten: “Wie schädlich ist denn eigentlich die Strahlung von all diesen elektronischen Geräten, vor denen die Kinder den ganzen Tag sitzen?”

Der Frau hätte ich gerne geantwortet, dass mir mal ein Mitbewohner einen Kristall geschenkt hat, der vor den Strahlen schützt, wenn man ihn auf den Monitor legte. Hat prima funktioniert, ich habe keine Strahlenschäden, selbst nachdem der Kristall irgendwann im Blumenbeet hinterm Haus liegen blieb.

Insgesamt war jedenfalls kein Erkenntnisgewinn festzustellen, weder bei mir noch anderswo. Schade.

Woche 36: Erntezeit

Es wird Herbst. Draußen ist es jetzt die meisten Tage ungemütlich, und ich bin schon seit gefühlt mehr als einer Woche nicht schwimmen gegangen. Die Norweger kaufen Feuerholz wie verrückt, und stellen sich auf einen langen Winter ein, ich hoffe momentan, dass mich der Rest vom letzten Jahr noch durch diesen Winter trägt, aber sollte morgen mal nachzählen, wie viele Säcke die größere Schwester im Urlaub verheizt hat. Sie liebt ja meinen Kamin.

Der Apfelbaum wirft das Obst inzwischen schneller von sich, als ich es aufsammeln kann. Daran sind natürlich die Herbststürme schuld, aber auch die Tatsache, dass ich nicht rechtzeitig mit dem pflücken angefangen habe. Letzten Donnerstag habe ich mir endlich einen Obstpflücker gekauft, nachdem ich auf dem Weg zum Vogelkurs die Filiale von JULA entdeckt habe. Mit dem komme ich allerdings auch nur an die Hälfte der Äpfel, weil der Baum viel zu hoch gewachsen ist. Das mit dem Beschneiden ist eben auch nicht so meine Sache.

In meinem Wohnzimmer vor dem Fernseher passiert momentan industrielles Apfelschnitzen, um zumindest den Kartons und IKEA-Tüten voller Fallobst Herr zu werden, damit ich Platz für das gepflückte kriege. Der neu angelegte Komposthaufen kann derweil die faulenden Äpfel kaum aufnehmen, so dass ich Schalen und Kernhäuser jetzt wieder in den Biomüll werfe. Es tut mir ja doch ein wenig Leid um die ganze gute Biomasse, die da aus dem Garten verschwindet.

Ich kann nicht so viel Apfelkuchen essen, wie ich machen könnte, und das Apfelmus füllt inzwischen jeden freien Raum in den Küchenschränken. Morgen beginne ich wohl mal damit, die fertigen Gläser auf den Speicher zu lagern, da sollte noch Platz sein.

Ansonsten ist es sehr ruhig. Das Krankenhaus hat mir wieder einmal geschrieben, sie haben meinen EEG-Termin jetzt auch wegen “unvorhergesehener Ereignisse” in den Oktober geschoben, ein paar Tage nach meiner OP. Beide Termine sollten eigentlich im August sein, sind aber jetzt jeweils zweimal um vier Wochen verschoben worden. Das müssen diese Engpässe im Gesundheitswesen sein, von denen man immer hört, Ärztemangel und so.

Woche 35: Vogelkurs, Technologie

Diese und nächste Woche sind wir auf einem Vogelkurs, organisiert von der lokalen Abteilung des Norwegischen Ornitologenverbands. Bisher hatten wir zwei Abende Kurs mit Vorträgen und einen Samstagmorgen im Feld, und es war sehr schön, etwas über die Natur in meiner Umgebung zu lernen, und Vogel-Nerds in ihrem natürlichen Habitat zu erleben.

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Seevögel und Greifvögel am See beobachten (Gjennestadvannet).

Nächste Woche ist die Schwester leider nicht mehr dabei, weil sie nach Deutschland zurück fliegt. Deshalb konnte ich heute beobachten, wie sie als normaler gebildeter Mensch mit eigentlich guten Computerkenntnissen mit einer typischen modernen Webseite umgeht. Oder wie mir ihr umgegangen wird, denn online einchecken auf der Webseite von Ryanair ist ja wohl eine extrem benutzerfeindliche Interaktion! Nachdem sie schon zur Bestellung des Tickets ein Konto anlegen musste, und sich an das Passwort heute nicht erinnern konnte, wurde das zu einem besonders schlimmen Spiessrutenlauf durch endlose Captchas, wo Fotos von Feuerhydrant in Vietnam identifiziert werden müssen, oder Straßenschilder angeklickt. Ist eigentlich jedes Schild, dass an einer Straße steht, ein Straßenschild, auch wenn darauf eine mir unbekannte Burgerkette ihr Restaurant bewirbt? Anschließend wird dann nach allen Regeln der Kunst versucht, den Kunden von seinem eigentlichen Vorhaben abzulenken, damit er vielleicht doch noch aus Versehen für ein drittes Gepäckstück bezahlt, obwohl er alle diese Angaben bei der Ticketbestellung schon gemacht hat. Immer mit den farbkodierten Formularen, wo der auffällige leuchtende Button derjenige ist, den man eben gerade nicht anwählen will.

Wir Softwareentwickler haben hier klar versagt. Die Profitgier und Jagd nach immer kleineren zusätzlichen Einnahmen aus Hoteldeals, Sitzplatzreservierungen und Upsells, die das Fliegen an sich schon unangenehm machen, spiegeln sich in diesen Webseiten in voller Wucht wieder, gepaart mit Tricks, die das Verhalten der Benutzer und ihre Frustration auszunutzen suchen, um sie dazu zu bringen, Fehler zu machen, die sich anschließend nur möglichst schwer korrigieren lassen. Als Entwickler muss man es vor seinem Gewissen verantworten, derart benutzerfeindliches Design zu implementieren, und ich fürchte, die wenigsten von uns machen sich darüber ernsthaft Gedanken, oder haben den Schneid, ihrem Projektleiter zu erklären, dass sie an so etwas nicht Teil haben wollen.